Wissenswertes

Energiemesstechnik und Verbraucherschutz

Mindestens einmal im Jahr - wenn die Abrechnung Ihres Energie- oder Wasserversorgers im Briefkasten liegt - sehen sich viele Menschen mit Messwerten konfrontiert, denen Sie vertrauen möchten. Wir gehen alle davon aus, dass unsere Strom-, Wasser-, Gas- oder Fernwärmezähler korrekt messen. Das ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. In Deutschland gewährleistet ein ausgeklügeltes Mess- und Eichrecht korrekte Messwerte. Für seine Einhaltung sorgen vor allem die Eichbehörden sowie zahlreiche staatlich anerkannte Prüfstellen.
Auf den Messgeräten - wie Strom-, Wasser-, Wärme- und Gaszählern - basiert  die Verbrauchsabrechnung der Versorgungsunternehmen. Daher muss sich jeder Verbraucher darauf verlassen können, dass diese Geräte hinreichend genau messen. Bei der Produktion solcher Geräte soll der Hersteller nach europäischem Recht für die Zuverlässigkeit dieser zunächst noch neuen Messgeräte sorgen. Allerdings ist es erforderlich, die Qualität der Messwerte auch immer wieder im laufenden Betrieb der Geräte zu überprüfen, um beispielsweise die Auswirkungen von Verschleiß, Alterung und – in zunehmendem Umfang – Manipulationen durch Verwender festzustellen und falsch anzeigende Messgeräte aus dem Verkehr zu ziehen. Solche als Eichungen ausgeführte Messungen sind bisher Ländersache, also Aufgabe der landeshoheitlichen Eichbehörden in Zusammenarbeit mit den staatlich anerkannten Prüfstellen. Im Zuge der Umsetzung neuer EU-Richtlinien zog die Bundesregierung allerdings in einem neuen Gesetzentwurf im Jahre 2008 in Erwägung, diese Aufgaben zukünftig nahezu ausschließlich privaten Dienstleistern in Form von "Konformitätsprüfungen" zu überlassen, ähnlich wie sie es vor einigen Jahren im Bereich von Medizinprodukten geregelt hat – mit heute noch schlimmen Folgen für viele betroffene Verbraucher. Diese politischen Aktivitäten hatten bereits im Vorfeld zahlreiche Experten aus Wissenschaft, Energiewirtschaft und Behörden motiviert, die „Agentur für Messwertqualität und Innovation e.V.“ (a:m+i) mit Sitz in Wolfenbüttel zu gründen.

Zuverlässige Messgeräte: Markt regelt sich nicht selbst

 
Die Idee mit der "Konformitätsprüfung durch benannte Stellen" ist Teil des sogenannten "Neuen Ansatzes" mit dem die EU seit ca. 30 Jahren Binnenmarktrichtlinien erlässt, um Produkte ohne bürokratische Hürden rasch auf den Markt zu bringen. "Dieses erfolgreiche Konzept vertraut nicht nur in die - leider nicht immer vorliegende - hervorragende Qualität der hergestellten Produkte, sondern auch in eine Art Selbstregelung des Marktes" erklärt Professor Dr. Peter Stuwe, Vorstandsvorsitzender der Agentur. „Produkte geringerer Qualität verschwinden dadurch mittelfristig vom Markt, weil Kunden sie nicht mehr kaufen. Grundlage für diese Selbstregelung ist allerdings, dass der Verbraucher als Kunde selbst feststellen kann, wie gut ein Produkt ist."
Und das geht nicht immer: Gerade wenn es um Verbrauchsmessgeräte für Energie oder Wasser geht, kann der Verbraucher im Regelfall nicht  prüfen, wie genau das in seinem Haushalt eingebaute Messgerät arbeitet und damit die Richtigkeit seiner Rechnungen für Energie und Wasser bestimmt. Diese Aufgabe können nur Fachleute mit sehr aufwändigen Verfahren übernehmen. Genau hier sieht der a:m+i-Finanzvorstand Jürgen Kramny, Leiter Zählsysteme, Operations der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, ein großes  Problem: „Private Prüfstellen unterliegen immer bestimmten wirtschaftlichen Zwängen. Im schlimmsten Fall kann ein rein privatwirtschaftliches System zu einer Art Wettbewerb der Zugeständnisse zwischen dem Prüfbetrieb und den Auftraggebern der Prüfung führen. Eine zusätzliche wirksame und finanzierbare Verwendungsüberwachung bzw. Marktaufsicht wäre nötig. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit – insbesondere im Bereich der Medizinprodukte - zeigen aber immer wieder erschreckend, dass eine wirksame Marktaufsicht und Verwendungsüberwachung durch die Behörden offensichtlich nicht finanzierbar ist - es sei denn, die Verwendungsüberwachung würde im Falle der Verbrauchsmessgeräte als regelmäßig durchgeführte Eichung (auch Nacheichung genannt) realisiert."

Gesetzesentwurf von 2008 abgewendet

 
Der Gesetzesentwurf aus dem Jahr 2008 konnte dank der Bemühungen verschiedener Seiten abgelehnt werden. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran trägt auch die Agentur für Messwertqualität und Innovation e.V. „Wir haben intensive Gespräche auf allen Ebenen geführt und dargelegt, welche problematischen Konsequenzen die Novelle für die Verbraucher in Deutschland haben könnte", betont Dr. Wilfried Schulz, Dir. u. Prof. a.D., Kommunikationsvorstand der a:m+i und früherer Leiter des Fachbereichs „Gesetzliches Messwesen und Technologietransfer“ der Physikalisch Technischen Bundesanstalt  „Wir meinen, dass eine Neuregelung des Eichrechts im Sinne der Verbraucher das Schutzniveau nicht absenken sondern möglichst anheben sollte."

Neue Gesetzesinitiative im Jahr 2012
 
Ein neuer Entwurf eines Mess- und Eichgesetzes wurde im Jahr 2012 vorgelegt. Der früheren Kritik wurde weitgehend Rechnung getragen, so dass das Mess- und Eichgesetz zum 1. Januar 2015 in Kraft treten konnte. Nach dem auf dieser Grundlage vorgelegten Entwurf einer Mess- und Eichverordnung sollten jedoch - ohne Ermächtigung im Gesetz - bestimmte Prüfungen durch private Stellen durchgeführt werden. Nach der damaligen Rechtslage war es möglich, die Eichgültigkeitsdauer von Messgeräten für Elektrizität, Gas, Wasser oder Wärme mittels Stichprobenverfahren zu verlängern. Zuständig hierfür waren ausschließlich amtliche Stellen, also Behörden und staatlich anerkannte Prüfstellen. In Abkehr von der geltenden Rechtslage sollte die technische Prüfung der Messgeräte im Rahmen der Stichprobenprüfung auch durch nicht hoheitliche Stellen, nämlich private Konformitätsbewertungsstellen durchgeführt werden können. Viele Fachleute – nicht nur der  a:m+i befürchteten, dass hierdurch einer unzulässigen Privatisierung von gesetzlich vorgeschriebenen hoheitlichen Aufgaben „Tür und Tor“ geöffnet wird. Da die Agentur überzeugt war, dass die geplante Neuregelung nicht dem Willen des Gesetzgebers entsprach, hat sie ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, in dem ein Verstoß gegen höherrangiges Recht festgestellt wurde, so dass der Verordnungsgeber die Zuständigkeit für Stichprobenprüfungen ebenso wie für Eichungen ausschließlich auf hoheitliche Stellen beschränken musste.

Verbraucherschutz und innovative Messtechnik im Fokus
 
Die Begleitung gesetzlicher Regelungen auf dem Gebiet des Mess- und Eichrechts ist nicht das einzige Ziel, dass sich die a:m+i für die Zukunft vorgenommen hat. Die Agentur ist aufgrund ihrer Struktur mit Mitgliedern aus den Eichbehörden, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, Hochschulen, Herstellern von Messtechnik und Vertretern der Energie- und Wasserbranche repräsentativ und fachkompetent besetzt. Zu den Themenfeldern gehören die Beschäftigung mit neuen Gerätetechnologien einschließlich Smart Metering genauso wie Konzepte zur Verbesserung des Qualitätsmanagements sowie die Förderung des Expertenaustauschs durch Symposien, Vorträge und Seminare. Der Geschäftsführer der Agentur, Dr. Rupprecht Gabriel – seines Zeichens Unternehmer und Gründer eines Herstellers von Messgeräten, ist überzeugt davon, dass die Agentur auch künftig Einiges bewegen wird: „Wir werden uns permanent dafür einsetzen, dass das hohe Niveau des Verbraucherschutzes in Deutschland bei Messungen des Energie- und Wasserverbrauchs auch in Zukunft erhalten bleibt."

Leitbild

Unser Ziel
Förderung und Sicherung innovativer Messverfahren beim Handel mit Energie und Wasser unter besonderer Berücksichtigung des Verbraucherschutzes und des lauteren Wettbewerbs.

Aktuelles

Fachsymposium 2017
Das Fachsymposium 2017 hat als Prüfstellentagung am 15. Februar 2017 in der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel stattgefunden. Die öffentliche Veranstaltung hat den Teilnehmern einen Überblick über die aktuellen politischen, wirtschaftlichen und spartenübergreifenden technischen Entwicklungen für Messtellenbetreiber und Prüfstellen gegeben. Eine Pressemitteilung zu der Veranstaltung finden Sie › hier.

Studie über Wirtschaftlichkeit von Prüfstellen
Die Agentur für Messwertqualität und Innovation e.V. hat eine Studie zur Wirtschaftlichkeit von staatlich anerkannten Prüfstellen für Messgeräte für Elektrizität, Gas, Wasser und Wärme erstellt. Sie zeigt auf, welchen wirtschaftlichen Nutzen ein Trägerunternehmen aus dem Betrieb seiner Prüfstelle zieht und gibt Methoden und Werkzeuge zur kontinuierlichen Verbesserung der Prozesse und Wirtschaftlichkeit an die Hand. Die Studie kann von Nichtmitgliedern zum Preis von 75,00 Euro beim Sekretariat der Agentur bestellt werden. Das Inhaltsverzeichnis finden Sie › hier.